Noten lügen – ein Buchtipp

Dieses Buch hatte ich schon einmal kurz in meinem Artikel 1. Geographie Stegreifaufgabe in der 7. Klasse Gymnasium erwähnt.

Wie heißt es dort auf der Rückseite: Ein analytisches, kritisches und optimistisches Buch für engagierte Lehrer, Eltern und Bildungspolitiker. Und für Schüler, wenn sie neben der Paukerei noch Zeit haben …!

Beim Lesen stellt sich so manches Aha-Erlebnis ein. Ich als Vater entwickle Verständnis für Lehrer, die ja nicht von Natur aus „schlechte“ Lehrer sind, sondern durch das deutsche Schulsystem oft erst dazu gemacht werden. Die schiere Anzahl von Noten (durchschnittlich 1500 pro Jahr), die ein Lehrer vergeben muss, kann nur Spaß machen, wenn man sadistisch oder masochistisch veranlagt ist.

Frau Ursula Leppert belegt ihre Ausführungen mit zahlreichen Interview-Ausschnitten und Studien. Alle kommen zu Wort: Schüler, Lehrer, Eltern, Wissenschaftler.

Das Buch gliedert sich in 5 leicht zu lesende Hauptkapitel, nämlich in

  1. Die Not mit den Noten
  2. Deutschlands schlechte Lehrer
  3. Das Spiel des Lebens
  4. Blick über den Zaun
  5. Was tun?

Damit wird auch gleich klar, dass Noten zwar als Lüge enttarnt, aber auch Wege aus dem Dilemma aufgezeigt werden. Frau Leppert schaut sich die Schulsysteme in anderen Ländern an, die sich in den beliebten PISA-Studien weit vor Deutschland platzieren konnten, um dann aber auch deutsche Schulen vorzustellen, in denen weitgehend ohne Noten ausgekommen wird. Es geht also doch! Und zwar meist sehr erfolgreich.

Im Buch wird auf Argumente eingegangen, die man immer wieder hört, die sehr viele Eltern, Lehrer, ja sogar Schüler verinnerlicht haben. Eins ist zum Beispiel: „Wir brauchen Noten, damit wir die Leistungen der Kinder vergleichen können.“

Warum eigentlich? Geht es nicht darum, Kindern etwas beizubringen? Dabei spielt es keine Rolle, ob mein Kind mehr oder weniger in einem bestimmten Fach weiß als ein anderes. Das Ziel lautet, mein Kind zu guten Leistungen zu führen, zu lehren. Wahrscheinlich heißt der Beruf deswegen auch Lehrer und nicht Bewerter oder Tester.

In unserem Schulsystem wird viel Zeit mit der Bewertung unserer Kinder vergeudet. Die Vorbereitung und Korrektur der Schulaufgaben und der Exen ist sehr arbeitsintensiv. Diese Zeit könnte man viel besser dafür verwenden, unsere Kinder beim Lernen zu unterstützen, denn ums Lernen sollte es gehen, nicht um die Bewertung.

Ein Beispiel aus dem Buch zur Ungerechtigkeit von Noten:

Ein Schüler hat sich auf die Klassenarbeit mit dem Thema Multiplizieren nicht vorbereitet und schreibt eine Fünf. Nun paukt er Multiplikation und das Thema der nächsten Arbeit, Bruchrechnen. Er beherrscht Multiplikation und Bruchrechnen sehr gut und schreibt eine Eins. Im Zeugnis bekommt er die Duchschnittsnote Drei, obwohl sein derzeitiger Wissensstand sehr gut ist.

Was genau sagt denn diese Drei? Der Schüler kann angeblich sowohl Multiplikation als auch Bruchrechnen nur mäßig. Aber das stimmt nicht mit der Realität überein.

Noch ein Beispiel:

So wurde eine Abschlussarbeit im Fach Geometrie als originaltreue Kopie an 180 Schulen verschickt, mit der Bitte, dass die Mathemetiklehrer diese Arbeit nach den Gepflogenheiten der Schule zensieren mögen. In den 128 verwertbaren Korrekturen, die die Forscher zurückbekamen, variierte die Punktezahl von 25 bis 90 (bei 100 möglichen) Punkten.

Wir reden hier von Mathematik, einer ganz exakten logischen Disziplin. Man sollte meinen, dass hier wenig Raum für subjektive Beurteilungen und damit für unterschiedliche Noten besteht.

Wie kann es ein, dass ein Klassendurchschnitt von 4,6 von einer Deutsch-Lehrerin akzeptiert wird? Was genau ist denn noch einmal ihr Beruf? Den Kindern Wissen verständlich zu vermitteln. Und das Ergebnis von ihren Bemühungen ist eine 4,6 im Durchschnitt? Natürlich ist es einfach, die Schuld auf die Schüler zu schieben, diese seien einfach nicht leistungsbereit genug für dieses tolle Gymnasium mit seinen besonders hohen Anforderungen. Hallo? Ich würde sagen: Job nicht gut gemacht!

Ich kann das Buch allen Eltern empfehlen, die sich Gedanken machen, ob es ihren Kindern in der Schule gut geht. Lehrer sollten das Buch eigentlich als Pflichtlektüre von der Schulleitung geschenkt bekommen.

Gerne verweise ich hier auch mit einem Link auf die Initiative von Frau Sabine Czerny, nämlich die Initiative Notenfrei. Frau Czerny hat der eine oder andere vielleicht schon einmal in einer Talkshow gesehen. Sie war Grundschullehrerin, gab aber zu gute Noten.

Über Frau Czerny habe ich in meinem Blog ebenfalls schon einmal berichtet: Auch bei Ihnen muss es Fünfer und Sechser geben


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