Wie seit jeher wird in der Schule das gelernte Wissen mit Hilfe Tests überprüft, bei uns in der Grundschule “Probe” genannt. Für den Übertritt in die weiterführenden Schulen ab der 5. Klasse ist der Durchschnitt aus den Noten in Deutsch, Mathematik und “Heimat und Sachkundeunterricht” (HSU) wichtig. Dementsprechend hoch ist auch der Druck auf die Kinder, gute Noten in den Proben zu erreichen. Allgemein anerkannt ist, dass dieses Schulsystem für unsere Kinder nicht unbedingt das beste ist, um sich zu selbstständigen, lernwilligen und mit gutem Allgemeinwissen ausgestatteten Menschen zu entwickeln.
Am 11. Dezember musste mein Sohn eine HSU Probe schreiben. Entsetzt und niedergeschlagen waren wir, als wir uns den dafür zu lernenden Stoffumfang ansahen. Nur schnell als Liste:
- das Wappen von Bayern erklären
- die wichtigsten Zuflüsse zur Donau benennen und auf einer Landkarte zuordnen (Donau, Altmühl, Naab, Regen, Iller, Lech, Isar, Inn)
- die Landschaften von Bayern benennen und auf einer Landkarte zuordnen (Spessart, Rhön, Oberpfälzer Wald, Frankenwald, Schwäbische Alb, Fichtelgebirge, Bayerischer Wald, Bayerische Alpen)
- alle Regierugnsbezirke Bayerns und ihre Hauptstädte benennen und auf einer Landkarte zuordnen
- alle Bundesländer Deutschlands und ihre Landeshauptstädte benennen und auf einer Landkarte zuordnen
- alle Nachbarländer Deutschlands benennen
- fast alle europäischen Staaten und ihre Hauptstädte benennen und auf einer Landkarte zuordnen, sowie ihre Autokennzeichen und ihre Wahrzeichen benennen und den Ländern zuordnen
- alle Weltmeere benennen und auf einer Landkarte zuordnen
- alle Kontinente benennen und auf einer Landkarte zuordnen
- weiteres Spezialwissen zu den einzelnen Bereichen wie
- höchster Berg Deutschlands
- Deutschland und Berlin waren geteilt
- größtes Bundesland von Deutschland
Ärgerlicherweise ist das vermittelte Wissen unvollständig (die Wörnitz gilt zum Beispiel ebenfalls als Zufluss zur Donau, wurde aber im Unterricht nicht gelernt). Ein paar einfache Tests mit unserem Sohn zeigten uns bereits viele Tage vor der Probe, dass wir als Eltern zur intensiven Nachhilfearbeit gezwungen waren. So musste Heiko fast zwei Wochen lang jeden Abend nach der Schule noch ein bis zwei Stunden mit uns üben. Da hatte er aber schon immer einen langen Tag in der Schule und die danach zu erledigenden Hausaufgaben hinter sich. Für Sport und Spiel blieb in dieser Zeit leider nur sehr wenig Zeit, und nicht nur einmal war unser Sohn den Tränen nahe. Wir haben uns natürlich alle Mühe gegeben, den Nachhilfeunterricht mit ihm entspannt und ruhig zu gestalten. Leider war der zu bändigende Stoff derart, dass es auf ein bloßes Auswendiglernen hinauslief, denn einen Bezug zum Beispiel zwischen Spanien und Portugal konnte er noch nicht herstellen, so dass diese Länder eine Zeit lang an völlig verschiedenen Stellen Europas vermutet wurden.
Wir nutzten Deutschland- und Europakarten, die wir aus dem Internet beschafften und so bearbeiteten, dass sie als leere Arbeitsblätter verwendbar waren.
Meine Hoffnung war, dass ein ständiges Wiederholen das Wissen festigen würde. Natürlich zeigte sich auch langsam der erwartete Erfolg.
Dennoch war die zur Verfügung stehende Zeit absolut nicht ausreichend, um das gesamte Wissen einzuprägen. Autokennzeichen, Wahrzeichen und Wappen mussten wir deswegen auslassen. Fur uns als Eltern war es extrem belastend zu sehen, wie unser Kind unter dem schieren Umfang des Stoffs mehr und mehr zusammenbrach.
Das Problem war, dass selbst wenn nur eine einzige Frage zu einem Wahrzeichen in der Probe käme, dennoch praktisch alle Wahrzeichen gelernt werden mussten. Es nützte ja nichts, wenn man 90 Prozent der Wahrzeichen kannte, die eine gestellte Frage aber nicht beantworten konnte. Dasselbe galt natürlich für alle anderen Themenkomplexe.
Wir haben unseren Sohn am Ende sehr für sein Durchhaltevermögen gelobt und ihm erklärt, dass die Note für uns völlig bedeutungslos sei. Wichtig sei nur, dass er sich gut vorbereitete.
Mein Verständnis von einer Grundschule ist nicht, dass die Schüler im Unterricht nur den zu lernenden Stoff genannt bekommen, um ihn anschließend zu Hause mit den Eltern zu lernen. Mir ist bewusst, dass die Möglichkeiten der Lehrer bei der Stoffauswahl und bei der individuellen Förderung der Kinder nach wie vor äußerst beschränkt sind, dennoch bin ich der Meinung, dass der Job eines Lehrers der ist, unseren Kindern auf altersgerechte Weise Wissen zu vermitteln (neben all den persönlichkeitsbildenden Aspekten selbstverständlich). Dafür werden Lehrer ausgebildet und dafür werden sie bezahlt. Es kann einfach nicht sein, dass Eltern neben Beruf und Haushalt diesen Job auch noch übernehmen müssen.
Gereicht hat die intensive Vorbereitung für eine 3. Es gab allerdings auch Einsen und Zweien in der Klasse, was mich sehr überraschte. Auf der anderen Seite war nach meinem Empfinden die Anzahl der schlechteren Noten ungewöhnlich hoch bei dieser Probe. Im Gespräch mit anderen Eltern ergab sich später, dass wir nicht die Einzigen waren, die diese Probe als unverhältnismäßig umfangreich ansahen.
Wie sah nun die Probe aus?
- In der ersten Aufgabe mussten je eine grobe Karte von Deutschland und eine von Bayern benannt werden. Das war keine große Herausforderung.
- Danach musste in der zweiten Aufgabe das Wappen von Bayern beschrieben und erklärt werden. Dieses Thema hatten wir bei der Vorbereitung ausgeklammert. Dennoch gelang es meinem Sohn, von 6 Punkten noch 2,5 zu bekommen
- In der nächsten Aufgabe wurde es schlimm! Wir haben uns mittlerweile ja daran gewöhnt, dass die Schule offensichtlich nicht in der Lage ist, vernüftige Kopien als Arbeitsmaterialien anzufertigen. Wenn dies aber so aussieht wie im folgenden Bild, dann wundert es mich nicht, dass ein Kind damit Schwierigkeiten hat (und dieses Bild ist bereits vergrößert dargestellt):
Wenn ich mir das Bild so ansehe, würde ich vermuten, dass mein Scanner eine Macke hat. Dem ist aber nicht so, die Grafik ist wirklich dermaßen schlecht.
Die Aufgabe bestand nun darin, unter das Bild den Namen des Regierungsbezirkes zu schreiben und die Landeshauptstadt einzukreisen. Mein Sohn hat nicht eine einzige Hauptstadt eingekreist, was entweder daran gelegen haben konnte, dass er die Aufgabe nicht vollständig verstanden oder dass er schlichtweg keine Stadt-Bezeichnungen auf den Kartenstücken erkannt hatte. Leider war auch die Benennung der Regierungsbezirke nur teilweise richtig. Hätte man ihm eine Bayernkarte mit den Umrissen der Regierungsbezirke vorgesetzt, hätte er alle richtig benennen und zuordnen können. Davon bin ich überzeugt! - Die nächste Aufgabe 3b baute auf der letzten auf. Nun gab es tatsächlich eine Bayernkarte mit den 7 Regierungsbezirken im Umriss. In jedem war ein kleines Feld, in das der entsprechende Buchstabe des Puzzle-Teils aus der letzten Frage einzutragen war. Zwei Bezirke waren mit einem Buchstaben vorbelegt, da in der letzten Aufgabe nur 5 Bezirke abgefragt worden waren. Die beiden vorbelegten Buchstaben konnte Heiko einwandfrei benennen. Auch die Hauptsädte stellten keine Hürde dar. Anders verhielt es sich mit den Puzzleteilen. Hier ging es einzig und alleine darum, die Puzzleteile richtig einzufügen. Jetzt mag man meinen, dass in HSU nicht gepuzzelt wurde, deswegen hat mein Sohn auch nicht die Teile richtig eingeordnet, sondern hat sich an den Bezeichnungen orientiert, die er unter den Teilen eingetragen hatte. So wanderte die Oberpfalz zwar in der Bayernkarte an die richtige Stelle, war aber trotzdem falsch, da er das falsche Puzzleteil benannt hatte. Also wieder kein Punkt, obwohl die Lage richtig war, und darauf kam es ja an und nicht darauf, richtig zu puzzeln. Leider hat er den Umkehrschluss von dieser Aufgabe auf die letzte nicht mehr hinbekommen. Er hätte nun nachschauen können, welches Puzzleteil an die Stelle “Oberpfalz” passt und die Benennung dementsprechend korrigieren können. Diese blöde Puzzelei hätte man sich schenken können
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In Aufgabe 4 mussten auf einer Deutschlandkarte, die sämtliche Bundesländer im Umriss enthielt, vier vorgegebene benannt werden. Das hatten wir bis zum Erbrechen geübt. Ergebnis: Null Fehler! - Auch Aufgabe 5 wurde fehlerlos bewältigt. hier ging es darum, in einer Tabelle mit den Spalten Bundesland, Landeshauptstadt und Bezugsnummer (zur Deutschlandkarte der letzten Aufgabe) leergelassene Felder auszufüllen.
- In der nächsten Aufgabe 6 wurde abgefragt, was Stadtstaaten sind und welche es in Deutschland gibt. Wieder Null Fehler. Geht doch!
- In Aufgabe 7 mussten 5 Nachbarländer von Deutschland aufgezählt werden. Heiko benannte alle neun und hatte die Aufgabe damit überperfekt gemeistert.
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Aufgabe 8 wurde dann wieder schwierig. hier wurden 12 Aussagen gemacht, die als “wahr” oder “falsch” markiert werden sollten. Hier tauchte nun genau die weiter oben beschriebene Schwierigkeit auf, dass die Schüler den ganzen Stoff abrufbereit haben mussten, damit sie Aussagen richtig bewerten konnten. Das konnte nur schief gehen, da wir mit unserem Sohn aus Zeitgründen bewusst nicht alle Lerninhalte geübt hatten. Heiko hat sich hier dennoch überraschend gut geschlagen. - In der letzten Aufgabe ging es darum, zu sechs vorgegebenen europäischen Ländern die Hauptstädte zu benennen. Hier hatte Heiko ebenfalls wieder null Problemo, also keinen einzigen Fehler. Als Hinweis auf die Qualität der eingestzten Vorlagen mag die Tatsache dienen, dass das europäische Land “Niederlande” dort mit “Holland” bezeichnet wurde. Die Kinder mussten die Länderbezeichnung selber ausbessern.
Wenn ich sehe, was in der Grundschule als wichtiges Wissen angesehen wird, dann stellen sich mir die Haare auf. Die Schulzeit wurde auf maximal 12 Jahre um 1 Jahr verkürzt, so dass noch weniger Zeit bleibt, dem Kind all das beizubringen, was es für ein erfolgreiches Erwachsenenleben in unserer sozial meist kalten Gesellschaft benötigt. Dennoch bleibt immer noch Zeit, sich mit so Themen wie der genauen Analyse eines bayerischen Wappens zu beschäftigen. Wer das später wirklich einmal benötigt, muss eh in der Wikipedia nachschauen. Kein Mensch merkt sich das länger als bis zur nächsten Probe, es sei denn, er ist Heraldiker.
Kein Mensch muss das Autokennzeichen von Moldawien kennen.
Kein Mensch muss wissen, dass die Altmühl in die Donau fließt, es reicht völlig aus, sich mit den längsten Flüssen der Welt oder meinetwegen auch mit den längsten Flüssen Deutschlands zu beschäftigen (die Donau ist der drittlängste Fluss Deutschlands, aber die Nebenflüsse sind nicht wirklich wichtig). Wir haben einfach keine Zeit mehr für solche Lerninhalte. Natürlich kann man darüber streiten, was zur Allgemeinbildung gehören sollte und was nicht. Man muss dabei aber immer berücksichtigen, dass für die Vermittlung des immer weiter anwachsenden Berges an Wissen nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht, ja sogar eine kürzere Zeit als sie uns Eltern zur Verfügung stand.




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[...] Umfang an relativ abstrakten Inhalten. Dazu habe ich in meinem Blog schon mal etwas geschrieben: HSU Probe. Für dieses Fach lernten wir entsprechend recht intensiv für die Proben. Schlechte Kopien der [...]
Liebe Eltern,
sagt uns Lehrer/innen doch, was ihr haben wollt.
Stimmt vielleicht das Bonmot:
“Aufs Gymnasium sollen nur die geeignetsten Kinder gehen ….
und natürlich meine.” … ?
Wir Lehrer/innen haben leider den Auftrag durch das Schulsystem erhalten, eure Kinder – die wir sehr gern mögen – durch Ziffernnoten in wenigen nachprüfbaren Bereichen dahingehend zu beurteilen, ob sie gelerntes Wissen wiedergeben, anwenden und abstrahieren können. Von emotionaler Reife, freundlichem Umgang miteinander, Bereitschaft zum Lernen und den vielfältigen Hindernissen das Leben zu meistern, dürfen wir nur sehr begrenzt berichten.
Denn – wenn ihr ganz ehrlich seid – ihr habt daran auch kein gro?es Interesse, solange eure Kinder zumindestens in die Realschule übertreten dürfen.
Jedesmal, wenn ich als Relilehrer bei höchst seltenen Elterngesprächen auch nur andeute, dass unsere Hauptschule ausgezeichnete Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung und einen geschützten Ruheraum mit individueller Förderung bei kleinen Klassen bietet -mit der Möglichkeit sogar Studienreife über die BOS zu erlangen, sto?e ich auf heftigste Ablehnung. Lieber presst ihr eure Kinder in Gymnasial/Realschul/klassen mit 34 anderen Kindern ohne jedwede persönliche Zuwendung.
Und von den 4. Klasslehrer/innen verlangt ihr, dass euer Kind so beurteilt wird, dass es in allen Proben so beurteilt wird, dass es in diese 35er-Meuten aufgenommen wird. Koste, was es wolle.
Und leider führt das bei manchen von euch dazu, dass sie diese Lehrer/innen als natürliche Feinde betrachten. Da sind Fehler in Proben natürlich schnell per nWikipedia verifiziert und dann der/die Lehrer/in als Dummsdorfer abqualifiziert. Am Besten noch vor dem Kind. Hernach wundert man sich dann, warum der/die liebe Kleine rotzfrech jede Erziehung vergisst …
Überlegt euch bitte, ob wir nicht zum Wohl eurer Kinder, die ihr uns anvertraut, zusammenarbeiten sollten, um den besten Weg für die Kinder zu finden.
Der erste Schritt: Dieses unselige Selektionssystem mit Ziffernnoten in der Grundschule sollte abgeschafft werden! Kompetenzbeurteilungen und positive Lernfortschritte sind sehr viel hilfreicher – für alle Seiten.
Der zweite Schritt: Unsere Kinder sollten so lange wie möglich gemeinsam unterrichtet werden. Mit Förderung einzelner Begabungen. Dazu gehören auch soziale, ethische und musische Kompetenzen.
Übrigens: Wenn ihr euch Abituraufgaben anschaut: Da geht es auch nicht mehr um Kompetenzen, sondern um möglichst komplexe Fragestellungen. Genau derselbe Fehler im System, wie es bei den oben kritisierten HSU-Proben der Fall ist.
Das System müsst ihr angreifen und ändern – nicht die Auswirkungen!
Mit freundlichen Grü?en
ein Relilehrer, der mit 1,66 auf Gymnasium ging, die 9. wiederholte und nach der 10.ten die FOS mit Ach und Krach schaffte, seine Diplomarbeit Relpäd mit 2,0 ablieferte und jetzt als pädagogischer Berater in politischen Gremien mitarbeitet.